Unser Netzwerk wurde kontaktiert, um Aussagen zur Psychologie des Jubelns zu machen. Sowohl Anett Szigeti als auch Kareen Klippel äußerten sich zum Thema. Teile der Interviews wurden von der Presse aufgegriffen und veröffentlicht. Eine Übersicht ist unten stehend zu finden.

Nicht in den Veröffentlichungen zu finden, (aber insbesondere aus sportpsychologischer Sicht interessant) ist die Frage inwiefern sich Jubeln auf den mentalen Zustand auswirkt. Ein Stichwort wäre hier das Thema Embodiment.

Der Westen:

Kuss, Salto – Was hinter den Jubelposen der Fußballer steckt
22.08.2014 | 15:27 Uhr

Der eine brüllt und ballt die Hand zur Faust, der andere formt Herzchen nach einem Tor – Thomas Müller (l.) und Rafael van der Vaart.Foto: Montage
Köln. Wenn Fußballer ins Tor treffen, werden Sie zu Feierbiestern. Das gilt für die Bundesliga genauso wie für die Nationalmannschaft. Da gibt es King Kong und Stangentänzer, Küsschen-Geber und Herzchen-Typen. Eine Sportpsychologin erklärt, welche Menschen hinter den verschiedenen Jubelposen stecken.

Verrückt, diese Isländer. Würde es einen Pokal für die schönste Szene nach einem Tor geben, wären sie wohl Seriensieger. Die Jubelkönige vom Stjarnan FC haben sich bis heute fast mehr Choreografien ausgedacht als der Zirkus Roncalli. Mal haben die Fußballer aus sich selbst ein lebendes Fahrrad gebaut, mal einen Fisch samt Angler. Dann eine Toilette aus Mitspielern, auf der der Torschütze Platz nehmen durfte. Ein feierlicher Walzer auf dem Rasen gehörte da noch zu den unspektakulären Szenen. Diese Inselmänner – im internationalen Vergleich die geborenen Fußballzwerge, aber im Jubeln die Größten. Mit einem solchen Showprogramm ist in der Bundesliga auch in dieser Saison eher nicht zu rechnen. Dennoch versorgen uns die Torschützen immer wieder mit kleinen Einlagen. Gemeinsam mit der Kölner Sportpsychologin Kareen Klippel schauen wir hinter die Psychologie des Jubelns.

Wie spontan ist der Jubel?

Kareen Klippel: Er ist oft zweigeteilt. „Im Moment ihres Sieges neigen Sportler spontan zu aggressiven und drohenden Gebärden: hochgerissene Arme und eine hervorgeschobene Brust, Grimassen und Faustschläge in die Luft“, sagt die Psychologin. Forscher aus San Francisco sehen diese Triumphgesten als angeborenen Ausdruck von Emotionen. Ganz spontan, ganz automatisch. Soweit das Vorspiel, es folgt Teil zwei. „So ein Jubel ist lang. Im Profifußball sieht der Zuschauer deshalb durchaus gesteuerte Komponenten“, sagt Kareen Klippel. Beispiel Lukas Podolski. Der gebürtige Pole hatte sich bei der Europameisterschaft 2008 nach seinen beiden Toren für die deutsche Nationalmannschaft die Hände vor das Gesicht gehalten und bewusst nicht gejubelt, wie er später erzählte. Denn: Er traf ausgerechnet gegen sein Geburtsland.

Ändern sich Jubelgewohnheiten im Laufe einer Karriere?

Klippel: Ein klares Jein! „Spontaner Jubel bleibt gleich. Weitere, leicht verzögerte und teils choreografierte Posen ändern sich im Laufe einer Karriere eher“, beobachtet die Expertin. Einfluss nehmen etwa die Rolle eines Spielers in der Mannschaft, die Reaktion auf Jubelposen bei Fans und Mitspielern oder auch die Frage, was der Spieler von sich preisgeben möchte. „Einige Sportler haben eine Jubelpose zu ihrem Markenzeichen gemacht. Der Waliser Gareth Bale wollte sich seinen Jubel in Verbindung mit seiner Rückennummer 11 sogar markenrechtlich schützen lassen“, sagt Klippel – Bale formt nach einem Treffer mit Daumen und Zeigefingern beider Hände ein Herz.

Einer trifft – und alle werfen sich auf ihn. Warum begraben die Mitspieler den Torschützen so gerne unter sich?

Klippel: Aus psychologischer Sicht ist dieser Mannschaftsberg ein interessantes Phänomen. „Jeder Spieler stellt seine maximale Nähe zum Torschützen her. Die Spieler teilen ihre Freude und präsentieren sich nach außen als Einheit.“ Ganz ohne Hintergedanken? Natürlich nicht! Beim Jubeln sind sich Profifußballer ihrer starken Medienpräsenz in der Regel bewusst. Auch Spieler, die sich bei dieser Form von Freude nicht richtig wohlfühlen, werden oftmals ein Teil des großen Ganzen. „Denn wie sieht es aus, wenn ein Spieler ganz allein neben dem jubelnden Mannschaftsberg steht. . .“

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Eigenmotivation und Verunsicherung des Gegners

“Mit dem Jubel zeigt ein Sportler natürlich, wie sehr er sich über seine Leistung oder die seiner Mannschaft freut. Oft dient der Jubel auch der Eigenmotivation”, sagt Sportspsychologin Anett Szigeti. “Doch er sendet damit auch Signale an die Zuschauer und Gegner. Mag der Zuschauer den Sportler, möchte er die Freude mit ihm teilen und signalisiert dies ebenfalls mit stürmischem Jubel.” Diese positive Energie findet allerdings nur in Maßen ihren Weg auf den Platz: “Der Einfluss der Fans auf den Sportler ist nachgewiesener Weise gar nicht so groß, wie man häufig denkt”, so Szigeti. Der Einfluss des Jubels auf Mitspieler und Gegner ist hingegen nicht zu unterschätzen: “Hier kann das Jubeln ganz unterschiedliche Emotionen auslösen. Der Gegner kann beispielsweise abgelenkt werden. Es ist sogar möglich, einen Gegner so zu verunsichern, dass er aus dem Spielfluss kommt und verliert. Doch wer so etwas bewusst provoziert, macht sich in der Sportwelt keine Freunde.” Diesen Standpunkt kann auch Sportart und Persönlichkeit bestimmen die Jubelposen

Oft ist die Freude über den Erfolg eine Gratwanderung zwischen positivem und arrogantem Jubel: “Natürlich kann ein Sportler versuchen, für sich alleine und im Stillen zu jubeln – ohne die anderen zu beeinträchtigen. Da das Jubeln aber meist ein eruptiver emotionaler Ausbruch ist, der spontan als unmittelbare Reaktion auf ein freudiges Ereignis erfolgt, fällt es vielen Sportlern schwer, sich zu kontrollieren”, erklärt Szigeti. Doch natürlich hat jede Sportart ihren eigenen Verhaltenskodex. Ein Golfplatz ist eben kein Fußballplatz. Und ein Salto á la Miroslav Klose oder ein King Kong-Gehabe wie bei Thomas Müller wäre auf dem Grün eine unangebrachte Verhaltensweise. Hier freut man sich bescheidener, wie es Martin Kaymer bei den US Open unter Beweis gestellt hat.

Gesten als Markenzeichen eines Sportlers
Doch nicht nur die Sportart bestimmt die Art und Intensität des Jubelns: “Denn das Jubeln, als nonverbale Kommunikation, ist ein Teil der Persönlichkeit eines Sportlers”, erklärt die Psychologin. Der brüllende Thomas Müller ist in seinem Jubel ebenso charakteristisch wie der zurückhaltende Martin Kaymer. “Viele Sportler machen sich gern eine bestimmte Geste zu eigen und verschaffen sich damit ein unverwechselbares Markenzeichen – die Becker-Faust gehört genauso dazu wie der Salto von Miroslav Klose”, so Szigeti. Mit den immer gleichen Gesten signalisieren die Sportler nicht nur eine gewisse Konstanz ihrer Stärke, sondern senden unterschwellige Botschaften aus: “Nach oben gerichtete Hände zeugen von Unverletzlichkeit und Stärke, eine Faust soll eher Aggressivität und Kraft symbolisieren. Beides ist beispielsweise bei der ehemaligen Speerwerferin Steffi Nerius, letzteres bei Thomas Müller und Handballer Sven-Sören Christophersen zu beobachten”, erklärt Anett Szigeti.

Der Wechsel aufs Grün sorgt für angepasstes Verhalten
Doch wie sieht es aus, wenn die Profisportler das Revier wechseln? “Mit Sicherheit passen sich auch extrovertierte Persönlichkeiten dem entsprechenden Rahmen und jeweiligem Verhaltenskodex ein Stück weit an. Die ruhige, entspannte Atmosphäre auf dem Golfplatz verleitet nicht unbedingt dazu, sich mit Anlauf auf die Knie zu werfen und mit gerecktem Arm ein paar Meter zu schlittern. Auch ein Tanz um die Fahnenstange ist eher unwahrscheinlich”, schmunzelt Szigeti. “Große, starke und laute Posen sind hier auch gar nicht hilfreich, da jeder Spieler gegen sich selbst kämpft. Ein Golfer könnte sich mit so einer Jubelpose auch völlig aus der Konzentrationsphase bringen.”

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